Ich habe es so nötig,
Ihr Denken neben mir zu fühlen.
(Simone de Beauvoir)


 

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"Insekten haben für mich nie eine große Bedeutung gehabt. Zuweilen habe ich als Kind auf dem Boden, im Gras gesessen und dem ein oder anderen Käfer zugesehen, wenn im Frühling die Sonne immer wärmere und letztlich heißere Strahlen zu uns auf die Erde schickte. Ich habe, wie vielleicht jedes Kind, plötzlich eine Spur Ameisen erblickt und bin ihnen neugierig gefolgt. Irgendwann kam ich nicht weiter oder die Spur endete in einem großen Ameisenhaufen. Je nach Erfolg meiner Ermittlung hat mich das zufrieden und mit einem Lächeln zurück gelassen oder enttäuscht und bald darauf mit Wut. Insekten erwecken viele Emotionen in uns. Ein Kind liebt die Punkte des gefundenen Marienkäfers auf seinem Rücken zu zählen, während er von der Fingerspitze bis in die Armbeuge läuft. Kinder überbieten sich auch gern darin, den zu finden, der die meisten Punkte hat. Die Eltern lächeln und sagen, ein Punkt entspräche einem Lebensjahr. Aber es gibt eben auch andere Momente. Die Kinder spüren Faszination, wenn sie ein so tüchtiges, kleines Lebewesen entdecken. Es ist so winzig und hat ganz viele Beinchen. Es ist auch sehr stark für seine Größe, hat viele kleine glänzende Augen, die unergründbar sind. Kinder fasziniert das, weil sie es nicht kennen und es ihnen auch ein wenig Angst macht. Erwachsene ignorieren Insekten, ekeln sich vor ihnen, zerschlagen, treten auf sie. Die Faszination ist verschwunden. Weshalb?

Ich gehöre zu der Generation in deren Lebenswelt elektronische Geräte eine größere Rolle gespielt haben als die Natur. Ich kenne die Namen und Bezeichnungen, die Unterschiede zwischen den einzelnen Gattungen und Arten nicht - ob es nun Bäume, Sträucher, Blumen oder Insekten sind. Manchmal hat man Begrifflichkeiten in der Schule gehört oder von den Eltern im Garten oder während eines Ausflugs, doch meist blieb das Gehörte nicht im Gedächtnis. Der Lebensmittelpunkt war ein anderer. Ich gehöre zu der Generation, die aufgrund von gesellschaftlichen Entwicklungen, der Sinnsuche in einer technologisierten Gesellschaft, wesentlich mehr Begrifflichkeiten aus anderen Welten kannte und behielt als aus der eigenen. Traumwelten und Fantasiegestalten waren schon immer sehr präsent, doch wohl nie so stark wie in meiner Generation. Es gab keinen Krieg, keine existenziellen Ängste. Die Welt schien ebenso überflüssig, wie der Mensch und alles als eine abzustreifende Schicht alter Kleidung oder die zu kleine Haut für das wachsende Reptil, die Puppe in der aus der Raupe ein Schmetterling wird, ein Panzer, der einengt und doch nötig ist, um die nächste Stufe der Evolution zu erreichen. Meine Generation befand sich in einer Puppe und schlief einen Traum von utopischen Welten, in denen der Mensch als Individuum eine Aufgabe hat. Sie schlief und wartete auf den Tag, da die Puppe aufbrechen würde. Nun, nichts ist wichtiger als Selbstschutz, nichts ist wichtiger als Selbsthass - als Basis für diese Situation für die man nicht und eben doch verantwortlich ist und die unveränderbar und unüberwindbar scheint. Die Larve weiß nichts von ihrer Entwicklung zum Schmetterling, aber sie träumt davon.

Insekten haben für mich nie eine große Bedeutung gehabt. Man ist nur fasziniert, wenn man auf dem Boden sitzt und sie bei ihrer tödlich endenden Arbeit beobachtet. Man sitzt nicht lange auf dem Boden. Bereits im Moment des Aufstehens hat man die Welt der faszinierenden Insekten vergessen. Insekten sind bloß ekelhaftes Getier, das nicht in unsere Gesellschaft gehört."

14.5.11 19:26
 


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